Anorexia nervosa / Magersucht
Der Medizinische Fachausdruck für Magersucht lautet Anorexia nervosa. Der Begriff "Anorexia" stammt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich Appetitlosigkeit; mit dem Zusatz "nervosa" ist gemeint, dass es "nervlich", d.h. psychisch bedingt ist. Von Appetitlosigkeit in Zusammenhang mit einer Magersucht zu sprechen ist allerdings irreführend, da die Betroffenen nicht unter Mangel an Appetit leiden, sondern vielmehr versuchen, Appetit und Hungergefühle zu unterdrücken. Zutreffender wäre es, von einer "Selbstaushungerung" zu sprechen. Die Betroffenen entwickeln Angst vor dem Essen und vor Gewichtszunahme. Diese Angst vor Gewichtszunahme wird um so stärker, je weniger an Gewicht sie haben. Auffallendstes Merkmal ist schließlich der ausgemergelte, ausgezehrte Körper, wenn die Störung bereits einige Zeit besteht.
Formen der Magersucht
Pubertätsmagersucht
Diese akute Form der Magersucht tritt fast ausschließlich bei pubertierenden Mädchen auf. Auffallendstes Merkmal ist die extreme Gewichtsabnahme, die selbst willentlich herbeigeführt wird. Beharrlich verweigern Magersüchtige die Nahrung: um sich Nachfragen und Vorwürfen zu entziehen, machen sie falsche Angaben über die Menge der aufgenommenen Nahrung, meiden die Tischgemeinschaft und essen am liebsten allein.
Die reine Pubertätsmagersucht ist jedoch eher selten. Die Regel sind leichtere Formen und Mischformen, so weist etwa die Hälfte der Betroffenen Phasen der Bulimie auf.
Weiters lässt sich die Magersucht in einen restriktiven und einen bulimischen Typ unterteilen:
1. Restriktiver oder asketischer Typ:
Hier wird das Gewicht fast ausschließlich durch Fasten oder Hungern reduziert. Charakteristisch ist außerdem eine ausgeprägte Überaktivität.
2. Bulimischer Typ:
Neben dem Fasten und dem Konsum kalorienarmer Nahrungsmittel ist dieser Typ gekennzeichnet durch zeitweiliges oder regelmäßiges Erbrechen, die Einnahme von Abführmitteln oder wasser-treibenden Mitteln und motorische Überaktivität. Gelegentlich kommen auch Heißhungeranfälle vor.
Eine nicht oder unzureichend behandelte Pubertätsmagersucht führt häufig in eine chronische Erkrankung.
Chronische Magersucht
In etwa einem Drittel der Fälle wird die Magersucht chronisch. Chronisch Magersüchtige haben für sich ein bestimmtes Gewicht akzeptiert, das oberhalb des lebensbedrohenden Untergewichts liegt und mit dem sie ohne Kräfteverfall leben können. So kann eine chronische Magersucht lebenslang fortbestehen, ohne die Aufmerksamkeit der Umgebung auf sich zu lenken. Dieses Gewicht, das die chronisch Magersüchtigen für sich akzeptiert haben (ihr Geheimgewicht), liegt deutlich unter dem Gewicht, das sie bei einem normalen Essverhalten erreichen würden. Eine Gewichtszunahme verhindern die Betroffenen durch ein streng kontrolliertes Essverhalten, Erbrechen oder Medikamentenmissbrauch. Chronisch Magersüchtige erleben im Gegensatz zu Pubertätsmagersüchtigen ihr Essverhalten als problematisch und unnatürlich. Sie leiden an ihrer Unfähigkeit zu genießen, ihrer zwanghaften Fixierung auf Nicht-Essen und Körpergewicht und an ihrer Gespaltenheit zu wissen, dass sie chronisch unterernährt, aber doch unfähig sind, ein ihnen angemessenes Gewicht zu akzeptieren und ihren Körper ausreichend zu versorgen.
Typische Merkmale der Anorexia nervosa
- Starke Gewichtsabnahme bzw. Untergewicht ohne organische Erkrankung (BMI unter 17,5). Gewichtsverluste bis zu einem Körpergewicht von 25 kg sind möglich.
- Probleme Gewicht zuzunehmen
- Störung des Essverhaltens: Es besteht ein bizarrer Umgang mit Essen (Nahrung wird gehor-tet,...). Das Essen wird meist in "erlaubte" (= Kalorienarme) und "verbotene" (= kalorienreiche) Nahrungsmittel eingeteilt. Die Betroffenen entwickeln strenge Essensregeln und Essensrituale dafür, wann, was und wie viel sie essen dürfen. Schon normale Essensmengen werden als viel zu üppig gewertet.
- Motorische Überaktivität: Die Übermäßige körperliche Aktivität trotz der körperlichen Schwäche ist ein sicheres Zeichen der Magersucht, sie soll von einer körperlichen Ursache der Auszehrung ablenken. Die PatientInnen verleugnen ihre Schwäche und Müdigkeit, sind kaum im Bett zu halten und betreiben exzessiv Sport. Die Motive für diese Überaktivität sind: gesteigerter Energie-verbrauch, den Gefühlen nach Essen oder Schwäche nicht nachgeben, Zeigen von Stärke, der Wunsch nach Leistung und die Erhöhung der Körpertemperatur durch Erzeugen von Muskelwärme.
- Verleugnen des Hungers: Betroffene stellen eine weitgehende Unabhängigkeit von körperlichen Bedürfnissen, besonders von Hunger und Essen, zur Schau: "Ich brauche nichts und niemanden, nicht einmal essen".
- Körperschemastörung: Die Wahrnehmung des eigenen Körpers ist stark verzerrt. Trotz zum Teil extremer Abmagerung fühlen sie sich dick. Diese Verzerrung des Körperschemas ist auch durch die Angst vor Gewichtszunahme und Freudlosigkeit bedingt. Die Körperform gewinnt einen übermäßigen Einfluss auf das Selbstwertgefühl.
- Psychische Symptome: Nur in der ersten Zeit führt die Gewichtsabnahme zu einer Stimmungsstabilisierung. Mit zunehmender Gewichtsabnahme tritt eine ausgeprägte Freudlosigkeit und "Normalgewichtsphobie", d.h. Angst vor Gewichtszunahme und vor einem Normalgewicht auf. Die Betroffenen isolieren sich sozial und vermeiden emotionalen Austausch. Sehr häufig kommt es auch zu Schlafstörungen und depressiven Verstimmungen.
- Ausbleiben der Regelblutung: Aufgrund des Untergewichtes, aber auch aus seelischen Gründen, setzt die Menstruation bei den betroffenen Mädchen oder Frauen aus (medizinischer Fachausdruck: "Amenorrhö") bzw. erst gar nicht ein. Letzteres ist dann der Fall, wenn es sich um Mädchen vor der Pubertät handelt. Eine Amenorrhö wird auch dann angenommen, wenn die Menstruation nur unter Hormoneinnahme, z.B. der "Pille", auftritt.
- Körperliche Symptome: Dazu gehören vor allem eine reduzierte Körpertemperatur verbunden mit Frieren, trockener Haut, Haarausfall, Lanugobehaarung (Babyflaum im Gesicht und auf dem Körper), niedriger Puls und niedriger Blutdruck mit Kollapsneigung, Konzentrationsstörungen, Magen- und Darmbeschwerden wie Völlegefühl und Verstopfung.
- Soziale Auswirkungen: Verlust von Freundschaften, bis hin zur völligen Vereinsamung. Meist führt die Erkrankung auch zu familiären Spannungen. Durch die körperliche Schwäche kann das Arbeitsverhältnis in Gefahr geraten.
Diagnose
Die Abkürzung ICD steht für "International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems"; die Ziffer 10 bezeichnet deren 10. Revision. Diese Klassifikation wurde von der Weltgesundheitsorganisation erstellt.
Kriterien der ICD-10 für Anorexia nervosa (Magersucht):
Das Körpergewicht liegt mindestens 15% unter dem erwarteten oder unter einem BMI von 17,5. Der Gewichtsverlust ist selbst herbeigeführt durch: Vermeiden von hoch kalorischen Speisen, Einschränkungen der Nahrungsaufnahme und eine oder mehrere der folgenden Möglichkeiten:
- selbst herbeigeführtes Erbrechen
- selbst herbeigeführtes Abführen
- übertriebene körperliche Aktivitäten
- Gebrauch von Appetitzüglern und/oder Entwässerungsmitteln
Eine Körperschemastörung: Die Angst, zu dick zu werden, besteht als eine tief verwurzelte, überwertige Idee. Die Betroffenen legen eine sehr niedrige Gewichtsschwelle für sich selbst an. Es besteht eine sogenannte endokrine Störung, die insbesondere die Hormonproduktion betrifft: Diese ist verringert und führt bei Frauen zu einem Aussetzen der Regelblutung (Amenorrhö), bei Män-nern zu einem Verlust von sexuellem Verlangen und Potenz. Beginnt die Erkrankung vor der Pubertät, sind die entsprechenden Entwicklungsschritte verzögert oder gehemmt. Dies zeigt sich zum Beispiel in einem Wachstumsstopp, fehlender Brustentwicklung, Ausbleiben der Regelblutung, kindlichen Genitalien.
Atypische Anorexia nervosa: Wenn nur einige der genannten Kriterien erfüllt sind, spricht man nach ICD-10 von einer atypischen Anorexia nervosa. Hierunter fallen z.B. Betroffene, die untergewichtig sind, eingeschränkt essen, eine Körperschemastörung aufweisen, aber keine Amenorrhö haben oder einen BMI von 17,5 nicht unterschreiten.
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