Internetsucht

Der Begriff "Internetsucht" ist wissenschaftlich umstritten. Auf der einen Seite gibt es die Anhänger und Befürworter der Theorie des New Yorker Psychiaters Ivan Goldberg, der diesen Begriff (engl.: internet addiction disorder, kurz: IAD) 1995 erstmals einführte. Die Abhängigkeit wird in diesem Zusammenhang als psychisch beschrieben.
Auf der anderen Seite gibt es die Kritiker des Begriffs "Internet-Sucht", der - ihrer Meinung nach - als Beschreibung des Phänomens nicht zutreffend ist: Um es "Sucht" nennen zu können, fehlt die stoffliche Ebene, außerdem sei ihrer Ansicht nach noch unzureichend geklärt, was genau beim Internet süchtig macht.
Bernad Batinic, Wissenschafter im Fachbereich Psychologie der Universität Gießen hat es folgendermaßen ausgedrückt: "Das Problem Internet-Sucht existiert. Es gibt Menschen, die sich den Konsum des Internet nicht einteilen können beziehungsweise nicht damit aufhören können. Doch die Linie zwischen noch normal und bereits süchtig ist sehr schwer zu ziehen."
Allerdings ist er davon überzeugt, dass es einen Automatismus, von einem Online-Medium süchtig zu werden, nicht gibt: "Um süchtig zu werden, müssen bestimmte psychische Vorschäden bereits vorhanden sein. Schließlich werden auch nicht alle Menschen, die Alkohol trinken, automatisch zum Alkoholiker."

Zahlen und Fakten
In den USA - einem Land, das Europa in Sachen Internet ca. zwei Jahre voraus ist - wird die Zahl der an IAD-Erkrankten auf ca. 200.000 geschätzt. Diese Schätzung geht aus einer Studie der amerikanischen Psychologie-Professorin Kimberly S. Young hervor. Young gilt als erste "Cyber-Psychologin" der Welt; sie leitet in Bradford (Massachussets) das "Center for On-Line Addiction" der Universität Pittsburgh. Hier finden so genannte Internetsüchtige über E-Mail Rat und Hilfe bei ihrem Problem.
Young schätzt die Internet-Sucht, die sie "pathological internet use" (PIU) nennt, weltweit auf etwa 7% der www-Surfer.
Über Europa gibt es noch keine umfassenden statistischen Daten, da das Problem hier noch zu neu ist. Hingegen mehren sich aussagekräftige Ergebnisse mehrerer kleinerer, manchmal regionaler Umfragen, die innerhalb von Betrieben oder Web-Gemeinschaften durchgeführt werden.
Im deutschsprachigen Raum gibt es eine nennenswerte Studie, durchgeführt von zwei österreichischen Medizinern (H. D. Zimmerl und B. Panosch), welche die in den USA behauptete Existenz der sog. IAD wissenschaftlich hinterfragen.
Die Studie ergab, dass 12,7% der 473 Probanden ein suchtartiges Verhalten (bei Zutreffen von mehr als vier der unten genannten Kriterien) aufwiesen. Aus dieser Subgruppe bejahten 30,8%, rauschähnliche Erlebnisse bei intensivem Chatten zu haben. Und 40,9% dieser Gruppe stuften sich selbst als "süchtig" ein.

Symptome
Die Wissenschafter definieren Internetabhängigkeit, wenn die folgenden fünf Kriterien erfüllt sind:

  • Einengung des Verhaltensraums: Über längere Zeitspannen wird der größte Teil des Tageszeitbudgets zur Internetznutzung verausgabt (hierzu zählen auch verhaltensverwandte Aktivitäten wie beispielsweise Optimierungsarbeiten am PC).

  • Kontrollverlust: Die Person hat die Kontrolle bezüglich des Beginns und der Beendigung ihrer Internetznutzung weitgehend verloren.

  • Toleranzentwicklung: Im Verlauf wird zunehmend mehr Zeit für internetbezogene Aktivitäten verausgabt, d.h. die "Dosis" wird im Sinne von Kriterium 1 gesteigert.

  • Entzugserscheinungen: Bei zeitweiliger, längerer Unterbrechung der Internetnutzung treten psychische Beeinträchtigungen auf (Nervosität, Gereiztheit, Aggressivität) und ein psychisches Verlangen der Wiederaufnahme der Internetaktivitäten.

  • Negative soziale und personale Konsequenzen: Wegen der Internetaktivitäten stellen sich insbesondere in den Bereichen "soziale Beziehungen" (z.B. Ärger mit Freunden) sowie "Arbeit und Leistung" negative Konsequenzen ein.

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