Bibliothek

VIVID spezial





 


© VIVID

 

 

 



Druckansicht

Nikotin schützt nicht vor Corona

Derzeit kursiert ein Gerücht, dass Nikotin möglicherweise vor Corona schützen könne. Eine französische Studie wolle das prüfen. VIVID stellt sich ausdrücklich gegen diese These. Sie ist "Fake News", und zwar aus drei Gründen:

Erstens: Es ist nur eine Hypothese, keine Studie. Es fand keinerlei Überprüfung oder Bestätigung statt, geschweige denn ein Blick von außen (Peer review), wie er für hochwertige wissenschaftliche Aussagen üblich und erforderlich ist. Es ist nicht einmal eine Studie, sondern nur ein Gedanke über einen möglichen Zusammenhang, die Ankündigung also, es prüfen zu wollen.

Zweitens: Die Grundannahme der These ist, dass der Anteil rauchender Menschen bei den Corona-Kranken niedriger ist als in der Bevölkerung. Aber die Daten über den Raucheranteil von COVID-19-Erkrankten werden nicht systematisch erhoben. Repräsentativ können die Daten nicht sein, den es gibt noch keine repräsentativen Daten.

"Studie" ist nur eine Hypothese auf tönernen Füßen

So zitiert das Hypothesen-Papier eine Studie über den Raucheranteil von chinesischem Krankenhaus-Personal, das an COVID-19 erkrankt war. Da sei der Raucheranteil geringer als in der Bevölkerung. Das verwundert nicht. Denn Gesundheitsberufe rauchen grundsätzlich deutlich seltener als der Durchschnitt der Bevölkerung. Außerdem sind Gesundheitsberufe vorwiegend weiblich. In China, das hier als Beweis angeführt wird, rauchen nur rund 2 Prozent der Frauen, aber 51 Prozent der Männer.

Ähnlich verhält es sich mit einer anderen als Referenz angeführten Studie, wonach COVID-19-Patienten auf chinesischen Intensivstationen einen geringeren Raucheranteil hatten als die Allgemeinbevölkerung. Auch das verwundert nicht. Der wichtigste Faktor für einen schwerern Verlauf ist das Alter. Es landen daher anteilig besonders viele Menschen über 65 Jahren wegen COVID-19 auf Intensivstationen. Gleichzeitig sinkt (weltweit) der Anteil der Rauchenden mit dem Alter. Es verwundert daher nicht, dass der Raucheranteil auf Intensivstationen geringer ist. Korrekterweise müsste eine Bereinigung um das Alter stattfinden, bevor über den Raucheranteil eine Aussage getroffen werden kann, kritisiert  die französische Alliance Contre le Tabac.

Drittens: Es gibt auch personell eine schiefe Optik. Einer der Autoren des Hypothesen-Papiers wurde in der Vergangenheit von der Tabakindustrie für seine Forschung bezahlt. Bereits 1994 sponserte die Tabakindustrie seine Forschung zu Nikotinrezeptoren, wie schließlich an die Öffentlichkeit kam. Und 2012 deckt die Zeitung Le Monde auf, dass sein Institut von der Tabakindustrie 273.500 für Nikotin-Studien erhielt.

Sponsorship-Effekt

Im Sinne des Sponsorship-Effekts ist von einem Nutzen von Forschung für den Auftraggeber ausgzugehen, sonst würde der Sponsor nicht bezahlen. Gleichzeitig belegt der Sponsorship-Effekt eine (indirekten) Beeinflussung von Forschenden aufgrund ihrer Loyalität gegenüber dem Auftraggeber. Das legt die Frage nahe: Ist es jetzt wieder so? Wird jemand dafür bezahlt, mitten in der Corona-Krise eine Theorie an die Medien zu bringen, die der Tabakindustrie sehr nützt? Warum sonst geht jemand - ganz und gar unüblich in der Wissenschaft - mit einer wackeligen Hypothese an die Öffentlichkeit, ohne erste Ergebnisse? Auch im Falle von Unabhängigkeit bleibt aufgrund der Vorgeschichte ein schaler Nachgeschmack. Fakt ist, dass die Veröffentlichung Zweifel an der Schädlichkeit von Nikotin sät und das Aufhören weniger dringlich erscheinen lässt.

In Frankreich führte die Meldung bereits zu einem Ansturm auf Nikotinprodukte. Sogar Nichtrauchende meinten fälschlicherweise, sich durch Nikotin schützen zu können und stürmten Apotheken, um Nikotinpflaster zu kaufen. Das ging so weit, dass sich die französiche Regierung zu einer offiziellen Entgegnung gezwungen sah und Nikotinpflaster kontingentiert werden mussten.

Wer raucht, hat eher schweren Corona-Verlauf

Aber Nikotin schützt nicht vor einer Infektion mit dem Corona-Virus. Ganz im Gegenteil: Wer raucht, hat ein höheres Risiko, dass eine Erkrankung mit COVID-19 schwerer verläuft. Wer raucht, landet eher im Krankenhaus, muss eher beatmet werden und stirbt eher daran. Sowohl das Robert Koch-Institut als auch die amerikanische FDA nahmen daher "Rauchen" bereits in die offizielle Liste der Risikofaktoren auf.

Noch nie war der Rauchstopp daher so sinnvoll wie jetzt. Wer aufhört, tut gerade jetzt sehr viel Gutes für seine Gesundheit.

Auch sonst hat die Tabakindustrie die Situation gut für sich genutzt: Bis auf vier Staaten (Botswana, Indien, Südafrika und Island) haben alle den Verkauf von Tabak im Lockdown aufrecht erhalten. Fast überall auf der Welt wurde Tabak und Nikotin zu den "Essentiellen Gütern" gezählt und von ihrer Dringlichkeit her Lebensmitteln gleichgestellt.

Mehr: