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Nikotin schützt nicht vor Corona

Während der Corona-Pandemie im Jahr 2020 kursierte ein Gerücht, dass Nikotin möglicherweise vor Corona schützen könne. Eine französische Studie wolle das prüfen. VIVID stellt sich ausdrücklich gegen diese These. Sie ist "Fake News", und zwar aus drei Gründen:

Erstens: Es war nur eine Hypothese, keine Studie. Es fand keinerlei Überprüfung oder Bestätigung statt, geschweige denn ein Blick von außen (Peer review), wie er für hochwertige wissenschaftliche Aussagen üblich und erforderlich ist. Es war nicht einmal eine Studie, sondern nur ein Gedanke über einen möglichen Zusammenhang, die Ankündigung also, es prüfen zu wollen.

Zweitens: Die Grundannahme der These war, dass der Anteil rauchender Menschen bei den Corona-Kranken niedriger ist als in der Bevölkerung. Aber die Daten über den Raucheranteil von COVID-19-Erkrankten werden nicht systematisch erhoben. Repräsentativ Daten gibt es demnach nicht.

"Studie" ist nur eine Hypothese auf tönernen Füßen

So zitiert das Hypothesen-Papier eine Studie über den Raucheranteil von chinesischem Krankenhaus-Personal, das an COVID-19 erkrankt war. Da sei der Raucheranteil geringer als in der Bevölkerung. Das verwundert nicht. Denn Gesundheitsberufe rauchen grundsätzlich deutlich seltener als der Durchschnitt der Bevölkerung. Außerdem sind Gesundheitsberufe vorwiegend weiblich. In China, das hier als Beweis angeführt wird, rauchen nur rund 2 Prozent der Frauen, aber 51 Prozent der Männer.

Ähnlich verhält es sich mit einer anderen als Referenz angeführten Studie, wonach COVID-19-Patienten auf chinesischen Intensivstationen einen geringeren Raucheranteil hatten als die Allgemeinbevölkerung. Auch das verwundert nicht. Der wichtigste Faktor für einen schweren Verlauf ist das Alter. Es landen daher anteilig besonders viele Menschen über 65 Jahren wegen COVID-19 auf Intensivstationen. Gleichzeitig sinkt (weltweit) der Anteil der Rauchenden mit dem Alter. Es verwundert daher nicht, dass der Raucheranteil auf Intensivstationen geringer ist. Korrekterweise müsste eine Bereinigung um das Alter stattfinden, bevor über den Raucheranteil eine Aussage getroffen werden kann, kritisiert  die französische Alliance Contre le Tabac.

Drittens: Es gibt auch personell eine schiefe Optik. Einer der Autoren des Hypothesen-Papiers wurde in der Vergangenheit von der Tabakindustrie für seine Forschung bezahlt. 1994 sponserte die Tabakindustrie seine Forschung zu Nikotinrezeptoren, wie schließlich an die Öffentlichkeit kam. Und 2012 deckt die Zeitung Le Monde auf, dass sein Institut von der Tabakindustrie 273.500 für Nikotin-Studien erhielt.

Sponsorship-Effekt

Bei Studien für Auftraggeber, die ein berechtigtes Interesse an bestimmten Ergebnissen haben, kann der Sponsorship-Effekt eine Rolle spielen. Der Sponsorship-Effekt beschreibt eine (indirekten) Beeinflussung der Forschung aufgrund der Loyalität der Forschenden gegenüber dem Auftraggeber.

Unüblich für die Wissenschaft ist jedenfalls, dass hier mit einer wackeligen Hypothese an die Öffentlichkeit gegangen wurde, ohne Ergebnisse zu haben. Fakt ist, dass die Veröffentlichung Zweifel an der Schädlichkeit von Nikotin sät und das Aufhören weniger dringlich erscheinen lässt.

In Frankreich führte die Meldung zu einem Ansturm auf Nikotinprodukte. Sogar Nichtrauchende meinten fälschlicherweise, sich durch Nikotin vor COVID-19 schützen zu können und stürmten Apotheken, um Nikotinpflaster zu kaufen. Das ging so weit, dass sich die französische Regierung zu einer offiziellen Entgegnung gezwungen sah und Nikotinpflaster kontingentiert werden mussten.

Wer raucht, hat eher schweren Corona-Verlauf

Aber Nikotin schützt nicht vor einer Infektion mit dem Corona-Virus. Ganz im Gegenteil: Wer raucht, hat ein höheres Risiko, dass eine Erkrankung mit COVID-19 schwerer verläuft. Wer raucht, landet eher im Krankenhaus, muss eher beatmet werden und stirbt eher daran. Sowohl das deutsche Robert Koch-Institut als auch die amerikanische FDA nahmen daher "Rauchen" bereits in die offizielle Liste der Risikofaktoren auf.

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