Sucht in der Medizin-Geschichte

Alkohol gegen Wehenschmerzen, Tabak zur Zahnpflege und Heroin gegen Kopfweh: In der Geschichte der Medizin spielten suchterzeugende Substanzen eine wichtige Rolle.

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Aktuelles Buch

Wie die Medizin früher suchterzeugende Substanzen einschätzte und zur vermeintlichen Heilung von Krankheiten und Wehwehchen einsetzte, zeigt ein aktuelles Buch: „Rausch, Gift und Heilung“ von Daniela Angetter-Pfeffer widmet sich grundsätzlich „Irrwegen und Umwegen medizinischer Behandlungen“, wie der Untertitel verrät. Erstaunlich viele dieser medizingeschichtlichen Irrwege haben mit suchterzeugenden Substanzen zu tun.

Alkohol als „Wasser des Lebens“

So galt Alkohol in der Medizin lange Zeit als „Wasser des Lebens“ und wurde dementsprechend eingesetzt: Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts galt destillierter Alkohol als teures „Heilmittel“, das nur in Apotheken abgegeben wurde. Hildegard von Bingen empfahl beispielsweise den „Maitrunk“, bestehend aus Wein, Wermut und Honig, als Frühjahrskur. Alle drei Tage solle man ihn trinken, von Mai bis Oktober, so ihre Empfehlung.

Häufig wurde Alkohol zum Einreiben verwendet, gegen allerlei Beschwerden von Rückenschmerzen bis Fußgeruch. Ein jüngeres Beispiel dafür ist der Franzbranntwein.

Gegen Würmer und Wehenschmerz

In der Medizin setzte man Alkohol auch ein, um Medikamente herzustellen – von Hustensaft über Schlafmittel bis zu Mittel gegen Magenbeschwerden. Noch heute beinhalten manche Medikamente Alkohol.

Besonders Wermut – ein starker Wein mit Kräutern, Gewürzen und Obst – galt lang als Allheilmittel. Bereits vor Christi Geburt empfahl ihn Pythagoras von Samos gegen Wehenschmerzen und Hippokrates von Kos gegen Menstruationsbeschwerden, Gelbsucht und Rheuma. Im Mittelalter wurde abgekochter Wermut gegen Würmer und zur Reinigung eingesetzt.

Ähnlich beliebt war Absinth in der Medizin. Die Franzosen setzten diesen Alkohol im Algerienkrieg als Vorbeugung gegen Ruhr und Malaria ein. Der Konsum nahm daraufhin so stark zu, dass Absinth im ersten Weltkrieg verboten wurde, weil Frankreich wegen der vielen betrunkenen Soldaten eine Schwächung seiner Armee befürchtete.

Tabak als Wundermedikament, das Leben retten kann

Ähnliche Irrwege ging die Medizin mit Tabak. Die Azteken tranken den Sud von Tabakblättern zur Linderung von Schmerzen, gegen Hunger und Müdigkeit. Sie trugen ihn auf schlecht heilende Wunden und gegen Zahnschmerzen auf.

In China bekämpfte man im Darm befindliche Würmer mit der Tabakpflanze. Tabak wurde bei Ohrenerkrankungen eingesetzt und sollte sogar bei Taubheit Besserung bringen. Fieber, Atemwegserkrankungen, Probleme mit der Blase wurden mit Rauchen kuriert. Eine Mischung aus Tabakblättern und Kalk wurde lange Zeit als Zahnreinigung eingesetzt.

Zahnpflege, Syphilis und Brustkrebs

Frauen verzehrten Tabakblätter zur Abtreibung bei ungewollter Schwangerschaft. Neugeborene und ihre Mütter hingegen wurden als Zeichen der Vermittlung zwischen Erde und Himmel ausgeräuchert. Im 16. Jahrhundert hielt man das Rauchen für ein Mittel gegen die Pest, sodass es in vielen Gegenden sogar verpflichtend angeordnet wurde. Auch zur Heilung von Cholera und Tetanus, Syphilis und Tollwut wurde Tabak eingesetzt.

Ein niederländischer Mediziner des 17. Jahrhunderts schilderte euphorisch: „Zweifellos kann der Tabak alle Unreinheiten beseitigen und jeden schweren Körpersaft vertreiben. Darüber hinaus heilt Tabak Brustkrebs, offene Wunden, Krätze, Schrammen, wie giftig und infiziert auch immer. Auch Kröpfe und gebrochene Knochen lassen sich damit heilen.“

Noch 1869 berichtete die Wiener Medizinische Wochenschrift über Juckreiz (lateinisch Pruritus): „Pruritus in der Schwangerschaft, augenblicklich geheilt durch Tabakrauchen“. Der Bericht dreht sich um eine schwangere Frau, welche durch die Kombination aus Auftragen von Tabak-Sud und aktivem Rauchen von Juckreiz, Sodbrennen und Zahnschmerzen geheilt worden sei.

Wiederbelebung mit Tabak-Einlauf

Es blieb nicht dabei, Tabak zu rauchen, zu kauen oder den Sud auf die Haut aufzutragen. Ab dem Mittelalter wurde Nikotin angewandt, um Darmbeschwerden wie Verstopfungen und Blähungen zu behandeln. Dazu wurden mit dem Rauch Einläufe gemacht. Dieses sogenannte „rektale Rauchen“ hatte massive Nebenwirkungen wie Ohnmacht und Erbrechen.

Trotzdem wurde diese Art des Einblasens von Nikotin noch im 18 Jahrhundert dazu genutzt, um Beinahe-Ertrunkene wiederzubeleben. Ein französischer König erließ 1740 sogar eine Verordnung, die dies vorschrieb. Auch in London reanimierte man Personen, die aus der Themse gezogen wurden, indem man sie entkleidete, auf den Bauch legte und ihnen Rauch in den Darm blies. Das sollte die oft unterkühlten Menschen auch erwärmen. Im 18. Jahrhundert waren Tabak und eine Klistierspritze Teil der Erste-Hilfe-Ausrüstung.

Panzerschokolade gegen Angst vor dem Krieg

Auch suchterzeugende Substanzen, die längst illegal sind, wurden früher in der Medizin eingesetzt: So galt Heroin als Mittel gegen Husten und gegen Kopfschmerz. Morphium wurde unkontrolliert als Schlafmittel verschrieben.

Verschiedene suchterzeugende Pilze wurden zum Kurieren von Krebserkrankungen oder gegen Pfeiffersches Drüsenfieber eingesetzt. Manche Kuren sahen den Verzehr vor, andere das Einlegen des Pilzes in Alkohol. Der Alkohol-Sud wurde anschließend getrunken oder auf die Haut aufgetragen.

Die synthetische Droge Amphetamin wurde Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt. 1938 kam Amphetamin unter dem Namen Pervertin auf den Markt. Während der sogenannten „Blitzkriege“ und im zweiten Weltkrieg wurde Pervertin massenweise als Aufputschmittel an Soldaten ausgegeben. Unter den Spitznamen Panzerschokolade, Stuka-Tabletten (Sturzkampfbomber) oder Hermann-Göring-Pillen sollte Pervertin die Angst der Soldaten vor dem Krieg mindern. Es wurde auch eingesetzt, um ihre Konzentration zu steigern.

VIVID-Fachbibliothek

Das Buch „Rausch, Gift und Heilung“ ist in der Fachbibliothek von VIVID – Fachstelle für Suchtprävention erhältlich. Öffnungszeiten während der Sommerferien sind Montag bis Freitag von 9 bis 12 Uhr oder nach Vereinbarung. Der Bibliothekskatalog kann auch online gesehen werden. Versand ist innerhalb der Steiermark möglich.

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