Cannabis: Leitlinie zu Diagnostik und Therapie

Cannabis-Konsum kann negative Folgen haben, etwa Abhängigkeit und gesundheitliche Probleme. Eine neue Leitlinie bringt die besten Methoden für Diagnostik und Therapien. Ein Schwerpunkt sind auch psychische Erkrankungen.

Einheitliche Vorgangsweise für Behandlungen

Unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie ist eine neue S3-Leitlinie zu cannabisbezogenen Störungen erarbeitet worden. Sie richtet sich vor allem an Fachleute im Gesundheitswesen, bietet aber auch Betroffenen und Angehörigen Orientierung. Auf Basis der hochwertigsten Studien (Evidenz) fasst sie zusammen, was für die Behandlung hilfreich ist.

Nicht fähig, mit dem Konsum aufzuhören

„Cannabisbezogene Störungen“ werden definiert als die Unfähigkeit, mit dem Konsum von Cannabis aufzuhören, selbst wenn dieser bereits physische oder psychische Schäden verursacht. Konkret versteht man darunter in der Medizin negative Konsequenzen des Cannabis-Konsums, etwa Abhängigkeit und begleitende Erkrankungen, sogenannte Komorbiditäten.

Um eine exakte Diagnose stellen zu können, werden vielfältige Kriterien berücksichtigt. Dabei spielen die Häufigkeit und die Menge des Konsums eine Rolle und ebenso, ob begleitende Erkrankungen vorliegen. Bei bestehender Abhängigkeit wird ihre Schwere berücksichtigt und erfragt, ob die Betroffenen Aufhör- und Veränderungsmotivation haben.

Cannabis und psychische Erkrankungen

Ein großes Kapitel ist dem Zusammenhang von Cannabis-Konsum und psychischen Erkrankungen gewidmet. Psychische Störungen können durch Cannabis-Konsum ausgelöst werden. Besonders belegt ist ein Zusammenhang von Cannabis mit Angsterkrankungen, Depressionen, posttraumatischen Belastungsstörungen, Persönlichkeitsstörungen und ADHS.

Das Risiko für psychische Erkrankungen ist höher, wenn Cannabis konsumiert wird. Es ist belegt, dass Cannabis-Konsum zur Entstehung psychischer Erkrankungen beitragen kann: Bei entsprechender Veranlagung kann ihr Auftreten durch Cannabis gefördert werden.

Umgekehrt neigen Menschen mit psychischen Erkrankungen eher zu Cannabis-Konsum. Viele Betroffene konsumieren Cannabis, um sich Linderung zu verschaffen.

Neben psychischen Erkrankungen thematisiert die Leitlinie auch das sogenannte Cannabis-Hyperemesis-Syndrom. Dieses ist eine schwerwiegende begleitende Erkrankung. Es löst wiederkehrende Episoden von schwerer Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen aufgrund einer chronischem Cannabis-Konsum aus.

Spezifische Psychotherapie als Mittel der Wahl

Grundsätzlich wird für die Behandlung von cannabisbezogenen Problemen eine Kombination aus Psychotherapie und Arzneimitteln (Pharmakotherapie) empfohlen. Bei der Psychotherapie weisen Kurzinterventionen mit Kombinationen aus Motivationsförderung, Verhaltenstherapie und sogenanntem „Kontingenzmanagement“ (Lernen durch systematische Belohnung) die höchste Effektivität auf. Beim Vorliegen von psychischen Erkrankungen sollte die Therapie laut Leitlinie darauf abgestimmt und mit Medikamenten kombiniert werden.

Für Jugendliche empfiehlt die Leitlinie ergänzend familienorientierte Therapien. Auch soziale und lebensweltbezogene Interventionen sowie digitale Beratungs- und Therapieangebote haben sich bei Jugendlichen bewährt und werden dementsprechend empfohlen.

Wissenschaftlich hochwertig

Die neue Leitlinie ist wissenschaftlich sehr hochwertig und darf sich daher „S3-Leitlinie“ nennen. Sie bündelt evidenzbasierte Empfehlungen für Diagnostik, Therapie und Versorgung von Jugendlichen und Erwachsenen mit cannabisbezogenen Störungen. Insgesamt haben 20 medizinische Fachgesellschaften daran mitgearbeitet. Auch Betroffene und Angehörige wurden einbezogen.

Ein Anliegen der Leitlinie ist, dass problematischer Cannabis-Konsum nicht chronisch wird. Dazu bedarf es nicht nur Bewusstseinsbildung bei Betroffenen und Angehörigen, sondern auch fachlicher Unterstützung. Profis im Gesundheitswesen erhalten durch die Leitlinie klare Vorgaben, welche Therapien in welchem konkreten Fall empfehlenswert sind.

Schätzungen zufolge erfüllen rund 1,5 Prozent der Erwachsenen und etwa 2,5 Prozent der 12- bis 18-Jährigen in Deutschland die diagnostischen Kriterien einer cannabisbezogenen Störung. In der Gruppe der regelmäßig Konsumierenden entwickeln laut der Leitliniengruppe 33 Prozent eine Abhängigkeit.

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FAQs - Häufige Fragen

Was ist eine S3-Leitlinie? S3-Leitlinien sind wissenschaftlich hochwertige Leitlinien im medizinischen Bereich. Sie fassen den aktuellen Stand der besten Literatur zu Empfehlungen für Therapien zusammen. Häufig werden sie bei Suchterkrankungen angewandt, etwa zu Tabak und Nikotin oder zu Cannabis.

Was sind cannabisbezogene Störungen?
Darunter versteht man in der Medizin die Unfähigkeit, mit dem Konsum von Cannabis aufzuhören, selbst wenn er physische oder psychische Schäden verursacht. Konkret geht es dabei um den Cannabis-Konsum, wenn bereits eine Suchterkrankung oder eine sonstige Erkrankung besteht.

Kann Cannabis psychische Erkrankungen verursachen?
Das ist nicht belegt. Cannabis-Konsum kann psychische Erkrankungen jedoch auslösen, wenn sie bereits veranlagt waren. Es gibt einen Zusammenhang, jedoch keine sogenannte „Kausalität“. Denn Menschen mit psychischer Erkrankung könnten auch eher zum Cannabis-Konsum neigen. Man weiß gegenwärtig nicht, was die Ursache ist, was die Wirkung.